Vor 50 Jahren fuhr ein Schweizer Pärchen mit seinem VW-Bulli quasi um die Welt. Eine Abenteuerreise, die damals noch möglich war und die sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr losgelassen hat.
Text cLaUDe sCHaUb | Fotos Peter und Ruth Haltiner, cLaUDe sCHaUb
Im bUGbUs.nEt-Newsletter stellen wir monatlich eine Person und ihren VW vor. So kam es, dass Peter einen kurzen Text mit historischen Reisebildern seines T2 einsandte – ich war sofort begeistert. So drücke ich an einem grauen Vormittag die Klingel der Haltiners. Bevor ich meine Hand in die Tasche zurückstecken kann, begrüsst mich ein strahlender Golden-Ager: «Hoi Claude, ich bin Peter, und das ist meine Frau Ruth. Schön, dass du da bist.» Ab diesem Moment hänge ich an ihren Lippen. Mich interessiert der Auslöser für ihre Asienreise vor 50 Jahren, und Peter muss nur kurz überlegen: «Mein schwerer Motorradunfall. Uns wurde bewusst, wie schnell sich das Leben ändern kann – also starteten wir die Planung für die Hochzeitsreise nach Asien.»
War ein VW-Bus von Anfang an gesetzt?
Peter: «Nein, die waren einfach gut verfügbar, erschwinglich, und sie laufen und laufen und laufen – und falls doch nicht, sind sie leicht zu reparieren. Der Traum war ein Westfalia, aber wir investierten das Geld doch lieber ins Reisen statt in Komfort.»
Wie kamt ihr eigentlich zu eurem Bulli?
Peter: «1974 über ein Zeitungsinserat – ein einjähriger Bus für 10’900 Franken, in Neptunblau und mit gerade mal 20’000 Kilometern auf dem Zähler.»
Mit Mitte zwanzig war das wohl nicht euer erstes Auto?
Peter: «Doch, tatsächlich! Vor meinem Töffunfall fuhr ich ausschliesslich mit meiner NSU. Aber mein Arzt riet mir davon ab – so kamen wir auf den Bus. Übrigens, Ruth hat diesen hälftig mitfinanziert, obwohl sie bis heute kein Brevet hat, und ich hatte zu diesem Zeitpunkt fürs Auto erst den Lehrfahrausweis – die Prüfung bestand ich erst ein paar Wochen später – eigentlich unglaublich!»
War es einfach, alles aufzugeben?
Ruth: «Für mich war es sehr schwer. Ich hatte einen tollen Job als Chefsekretärin beim ACS und war in ein super Team eingebunden.» Peter: «Für Sie war’s viel härter als für mich. Aber während der intensiven Vorbereitung realisierten wir dies nicht. Erst am Tag der Abreise wurde uns bewusst, wie schwer uns der Abschied fiel.»
Wie fundiert war euer technisches Wissen?
Peter: «Moderat. Ich löcherte über Monate die Mechaniker der City Garage St. Gallen mit Fragen. Anfangs waren sie skeptisch, doch dann nahmen sie mich in die Werkstatt, zeigten mir Tricks und sicherten mir nach dem Kopieren meines Fahrzeugausweises weltweite Ersatzteilversorgung zu.»
Hattet ihr eine feste Route?
Peter: «Nein, wir besorgten die Visa unterwegs und reisten spontan. Zu einem Sehnsuchtsort entwickelte sich Kathmandu. Die Reisedauer hing allein von unserem Kontostand ab – in Australien, nach 57’000 Kilometern, 15 Monaten und 14 bereisten Ländern war unser Reisebudget erschöpft.»
Eure Geschichten wirken so mühelos – gab es nie einen Zwischenfall?
Peter: «Doch, einmal auf einer staubigen Passstrasse in Nordindien. Nach einer scharfen Kurve überraschte uns plötzlich ein Militärkonvoi auf unserer Strassenseite. Zum Glück reiste an diesem Morgen eine grosse Gruppe Schutzengel im Bulli mit, und so konnte ich im letzten Moment das Steuer rumreissen, sodass lediglich das Heck vom LKW zermalmt wurde. Der Kommandant unterschrieb, widerwillig, ein Schuldeingeständnis – dadurch übernahm unsere TCS-Versicherung später tatsächlich den Schaden!»
Dauerte es nach der Rückkehr lange, bis euch das Fernweh wieder packte?
Ruth lacht: «Es hat nie aufgehört! Bereits in den nächsten Ferien reisten wir vier Wochen durch Europa. Fünf Jahre später fuhren wir für drei Monate nach Nordafrika – diesmal mit unserer Tochter Tanja.»
Peter: «Und als sich ein Storch auf unseren Dachträger verirrte, brachten wir unsere zweite Tochter Désirée quasi als ‹Souvenir› mit nach Hause.»
Nun wart ihr zu viert – veränderte dies eure Art zu reisen?
Peter: «Halt, halt! Wir waren doch zu fünft – du darfst den VW-Bus nicht vergessen!» Ruth winkt ab: «Nein, nein, es ging einfach weiter – abgesehen von den engeren Platzverhältnissen.»
Heute, 51 Jahre nach dem Kauf, steht der Bus immer noch in eurer Garage.
Peter: «Wir haben unseren Bus, andere ihren Hund – so ist es. Beides braucht viel Aufmerksamkeit und Zeit – einfach ein gutes Gefühl, diesen treuen Freund in der Garage zu wissen.» Ruth: «Und Peter spart sich den täglichen Weg zum Robi-Dog!»
Was konntet ihr vom Reisen mitnehmen?
Ruth: «Die Erlebnisse begleiten uns ein Leben lang, helfen in schwierigen Situationen und eröffnen neue Perspektiven.» Peter ergänzt: «Es ist viel mehr möglich, als man denkt – und aus der Ferne wirken vermeintliche Gefahren oft grösser, als sie es vor Ort tatsächlich sind.»
Liebe Ruth, lieber Peter, ich danke euch sehr, dass ich durch euer Leben reisen durfte.