Vor 60 Jahren schloss eine Pariser Traumfabrik für immer ihre Tore – Facel Vega. Die grossen Coupés wurden geliebt, verehrt und bejubelt. Letzter Vertreter war der Facel II, von dem nur 184 Stück gebaut wurden. Einer fährt nochmal – für SPIRIT.
Text Ulrich Safferling | Fotos Christian Egelmair
Die gerühmte, aber heute nur noch wenig bekannte Marke Facel Vega erschien 1954 wie ein Komet am Himmel – und verglühte nur zehn Jahre später. In dieser kurzen Zeitspanne schaffte es die Marke, Kunden, Experten und Auto-Liebhaber von sich zu begeistern. «Diese französischen Kunstwerke auf Rädern waren luxuriöser als jeder Rolls-Royce, schneller als mancher Ferrari und so exklusiv wie Hispano-Suiza oder Isotta-Fraschini vor dem Krieg», schrieb die Schweizer Plattform «Radical Mag» treffend.
So verwundert es nicht, dass man in der Historie von Facel Vega auf reichlich Superlative stösst: «die schönste Automarke der Welt», berühmte Besitzer und «der schnellste Viersitzer der Welt» – das Prädikat für den hier vorgestellten Facel II, dem wir uns über die Marken-Historie nähern müssen, um ihn zu verstehen. Nur beim späteren Einsteiger-Modell Facellia findet sich wenig bis gar kein Glanz, aber dieses Kapitel darf an dieser Stelle geschlossen bleiben. Die Begeisterung für die Marke hatte der Gründer entfacht, der viele Talente in sich vereinigte als Konstrukteur, Designer, Unternehmer und Visionär: Jean Clément Daninos (1906–2001).
VOM ZULIEFERER ZUM KONSTRUKTEUR
Daninos, geboren in Paris, ist fasziniert von den ersten Automobilen, die er damals auf den Strassen sieht und die er nachzeichnet. Er wird Ingenieur und reift in seiner Zeit bei Citroën, wo er an der Entwicklung des Traction Avant beteiligt ist und mit Grössen wie Projektleiter André Lefèbvre und Designer Flaminio Bertoni zusammenarbeitet. Er macht sich 1936 selbstständig und gründet 1939 in Paris die «Forges et Ateliers de Construction d’Eure-et-Loir», kurz FACEL, für die Produktion von Stanzteilen aus Metall für Flugzeuge. Nach dem Zweiten Weltkrieg produziert Facel als Zulieferer Teile für die aufstrebende Automobilindustrie, unter anderem für Ford-France und Simca. Allein für Panhard werden 45’000 Karosserien gefertigt. Doch Daninos will mehr als nur Teile bauen und spürt die heraufziehende Automobil-Konjunktur im Nachkriegseuropa. Er baut eigene Karosserien auf Basis von Bentley und träumt von seiner eigenen Marke.
Anfang der 1950er-Jahre entsteht daraus die Automobilabteilung «Facel Vega». Vega drückt dabei den Anspruch von Daninos für seine Autos aus: So heisst das Zentralgestirn im Sternbild Lyra, früher ein Referenzstern für die Helligkeitsmessung. Namenserfinder soll sein Bruder gewesen sein, der Schriftsteller und Bestsellerautor Pierre Daninos. Erstes Modell wird das 2+2-Coupé FV, mehr eine Fingerübung für den ersten grossen Wurf, aber schon mit den stilbildenden Elementen, die alle Facel auszeichnen sollten: Rohrrahmen mit aufgeschraubter Karosserie, Coupé-Design, kräftiger und zuverlässiger V8-Motor von Chrysler, Einzelradaufhängung vorn, starke Bremsen, später Servolenkung.
Mit der eleganten Karosserie, der Top-Ausstattung und hohen Qualität sowie den aussergewöhnlichen Fahrleistungen erwirbt sich Facel Vega schnell den Ruf eines Edelsportwagenherstellers, den Jean Daninos angestrebt hatte – in bester Tradition französischer Luxuswagen wie Bugatti und Delahaye. Der Facel Vega rast aus dem Stand auf das Top-Niveau renommierter Marken wie Rolls-Royce und Mercedes-Benz. Laut Katalog der Schweizer «Automobil Revue» war der Facel FV teurer als ein Mercedes 300 SL, preislich ungefähr bei Ferrari, aber günstiger als ein Rolls-Royce Silver Cloud. Teuer, aber nicht abgehoben, wie manchmal zu lesen ist.
HÖHEPUNKT DER ENTWICKLUNG
Das daraus weiterentwickelte zweite Facel-Modell wird der HK500 (HK 1) – heute DER Facel schlechthin. Sein Modellname ist die Abkürzung für «Horse per Kilogram», also das Leistungsgewicht des Fahrzeugs. In diesem Fall fünf PS pro Kilo. Wie sein Vorgänger ist er trotz seiner Motorleistung (360 PS aus einem Hemi-V8 von Chrysler) und seiner perfekten Machart auf der einen Seite ziemlich teuer, auf der anderen Seite aber genauso unglaublich begehrt. Die Liste der damaligen Kunden liest sich wie das Who’s who der Schönen und/oder Reichen der 1950er-Jahre: Ava Gardner, Tony Curtis, Christian Dior, der Schah von Persien und jede Menge amerikanischer Prominenz wie Frank Sinatra, Peter Fonda und Dean Martin, denen der Mix aus französischem Design und amerikanischer Technik offenbar sehr sympathisch war.
Nachfolger des HK500 wird dann 1961 der Facel II (HK 2), der im Modellnamen nicht mehr das Leistungsgewicht thematisiert, obwohl das unverändert hoch bleibt. Allerdings sind 1850 Kilo ein rechter Brocken, der Leistungszuwachs des 6,3 Liter grossen Big-Block-V8 auf 390 PS passt dazu. Die Zuladung liegt bei 280 Kilo, mit vier Personen besetzt ist das schnell ausgereizt. Bei der Vorstellung auf dem Pariser Salon wird einmal mehr vom «schönsten Auto» gesprochen, das zugleich «das schnellste viersitzige Coupé der Welt» ist. Angeblich erreicht der belgische Rennfahrer Paul Frère eine Spitzengeschwindigkeit von 247 km/h, offiziell wird nur von 240 gesprochen. Zur Erinnerung: Wir schreiben das Jahr 1961. Ein 300 SL mit 500 Kilo weniger Gewicht auf den Rädern läuft bei normaler Übersetzung offiziell 235. Allerdings wurde der Facel II häufiger mit Chrysler Torqueflit-Automat als mit 4-Gang-Schaltung bestellt, leistete dann noch 355 PS und erreichte nur 225 km/h. Nur. Ein Porsche 356 GS Carrera schafft 200.
LUXUS OHNE FORTUNE
Serienmässig mit Servolenkung und elektrischen Fensterhebern, auf Wunsch mit Klimaanlage, getönten Scheiben und Radio mit elektrischer Teleskopantenne – damit war der Facel II absolut State of the Art und musste sich hinter keiner anderen Edelmarke verstecken. Im Unterschied zum HK500 wirkt das Auto ausserdem moderner. Zwar ist es immer noch ein Zweitürer mit vier Sitzen, aber ohne altbackene Panoramascheibe, mit mehr Chrom um die Scheinwerfer und mit einem flacheren Dach, was das Coupé schnittiger erscheinen lässt. Wie beim Vorgänger gibt es eine viertürige Version namens Excellence (EX2) mit 6,7 Litern Hubraum, gegenläufigen Türen und anderen Blinkern als beim Coupé, bei denen sie oben am Flossenende montiert waren. Es entstehen nur acht Exemplare, die mit 60’000 Franken erheblich teurer als die Zweitürer sind.
Trotz stolzer Attribute und erneut namhaften Kunden wie Ringo Starr, dem persischen Schah und Norodom Sihanouk von Kambodscha werden in drei Jahren nicht mehr als 184 Stück produziert. Das Ende des Facel II kommt mit dem Produktionsstopp von Facel Vega. Nicht die teuren Modelle, sondern der Versuch, im Massenmarkt mit der Facellia Fuss zu fassen, endet für Danino im finanziellen Desaster. Der selbst entwickelte Vierzylinder im kleinen Facel geht reihenweise zugrunde, das Marken-Image wird beschädigt, die Garantiekosten laufen aus dem Ruder. Der Umstieg auf VolvoMotoren 1964 rettet nichts mehr, letzter Sargnagel ist eine neue französische Luxussteuer.
Der auf diesen Seiten gezeigte 1963er Facel II gehört zu den Kronjuwelen im EnergyPark von SPIRIT-Herausgeber Martin Jaggi, der ihn einst von einem Sammler in Zürich kaufen konnte. Er befindet sich noch weitgehend im Originalzustand. «Das Interieur mussten wir für die MFK neu machen lassen, weil das Leder zu schlecht war», erzählt Martin, für den der Facel «zum Fahren etwas vom Schönsten» ist. Ein Motorschaden war das grösste Ärgernis, sonst musste ausser ein paar Kleinigkeiten an der Zündung und am Gestänge nichts restauriert werden. «Jedes Jahr fahre ich mit meinem Facel II an mehrere Treffen und bewege ihn regelmässig», erzählt Martin. «Er ist nicht nur schön, sondern zugleich begehrt, weil weniger Exemplare existieren als vom HK500.» Die Faszination von Daninos Vision, sie ist auch nach mehr als 60 Jahren noch nicht verschwunden.
Baujahr 1961–1964
Motor 6286 ccm, V8, 2 Vierfach-Carter-Vergaser
Leistung 390 PS bei 5400 U/min
Drehmoment k. A.
Kraftübertragung manuelles 4-Gang-Getriebe, optional Automat, Hinterradantrieb
Länge/Breite/Höhe 4750/1760/1280 mm
Gewicht 1850 kg (leer)
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h
Beschleunigung 0 bis 100 km/h in 8,3 s
Produktion 184
Preis 44’500 CHF (1962)